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Prof. Dr. Matthew G. Hannah, Inhaber des Lehrstuhls für Kulturgeographie, stammt aus Washington DC. Er lehrt und forscht seit 26 Jahren, zunächst in den USA (University of Vermont), dann in Großbritannien (Aberystwyth University) und seit September 2013 an der Universität Bayreuth. Wir haben mit ihm über die Spaltung der USA, die Vorgänge in Washington, als ein wütender Mob nach anfeuernden Tweets und Reden des scheidenden US-Präsidenten Trump das Capitol stürmte, gesprochen und ihn nach seinen Erwartungen für die Amtsübergabe am 20. Januar 2021 gefragt. 

Wie bewerten Sie die Vorgänge in Washington? Bahnte sich das an?
Die Vorgänge sehe ich als kriminell. Egal wie es mit dem zweiten Amtsenthebungsverfahren ausgeht, wäre Trump für die tödliche Auswirkungen seiner Hetze vor Gericht zu ziehen (ganz zu schweigen von den tausenden vermeidbaren Covid-19-Todesfälle unter seiner Präsidentschaft). Im symbolischen Sinne bildet die Erstürmung des Capitols die Kulmination seiner ganzen populistischen Präsidentschaft, insofern bahnte sie sich eigentlich seit Jahren an. Rückblickend hätte man es kommen sehen können.

Welche Bedeutung haben die Gebäude auf dem Capitol?
Das Capitol steht in diesem Fall für die Institutionen der US-Amerikanischen Demokratie. Das Gebäude wie die Institutionen sind längst nicht perfekt, wurden aber sorgfältig und langsam über 200 Jahre immer wieder renoviert und weiter ausgebaut und neuen Bedingungen angepasst. Ungeachtet all dessen wird das Capitol rücksichtslos angegriffen, keine der Vorkehrungen für verantwortungsvollen Nutzen von und Aufenthalt in den Gebäuden wurden beachtet. Im Grunde genommen genau so, wie es die Trump-Regierung mit der ganzen US-Amerikanischen Demokratie gemacht hat.

Stimmt das Klischee, wonach die räumliche Spaltung der USA - ländliche, vom Strukturwandel hart getroffene „Fly-over-Countries“ und wohlhabende und eng besiedelte High-Tech-Gürtel an West- und Ostküste - auch die gesellschaftliche und politische Spaltung bedingen?
Fangen wir mit den "Flyover counties" an. Ich möchte zwei diesbezügliche Sachverhalte hervorheben. Erstens wohnen 86% der US-Amerikanischen Bevölkerung in counties, die als städtisch oder suburban klassifiziert sind, nur 14% in ländlichen counties. Also die altgediente Vorstellung des "rural and small town America" als "Herz" des Landes entspricht der geographischen Wirklichkeit einfach nicht. Zweitens, obwohl es durchaus "weiße Armut" gibt - und obwohl arme, ländliche, weiße Gegenden zum Teil sehr hart von der "opioid crisis" betroffen sind, geht es Weißen in den USA insgesamt in ökonomischer, sozialer und politischer Hinsicht nachweislich noch viel besser als African-Americans, Native Americans, und Hispanics/Latinx. Vor diesen Hintergrund lässt sich die Wut des harten Kerns der Trump-Anhänger nur zum Teil auf tatsächlich erlebte Schwierigkeiten (egal wie falsch verstanden) beziehen. Bestünde seine Gefolgschaft ausschließlich aus ländlichen, ungebildeten, tatsächlich abgehängten Weißen, wäre sie viel kleiner.

Dann machen wir es uns in Deutschland zu einfach mit der Beurteilung. Woher kommt die große Gefolgschaft?
Hier spielen meines Erachtens die Ängste, auch unter relativ wohlhabenden und gut gebildeten Weißen, vor dem Verlust bzw. eine eingebildete "Nostalgie" für ein Land, das es nie gegeben hat, eine wichtige Rolle. In diesem imaginierten Land waren Weiße alle frei, unabhängig und - ganz wichtig - nur aufgrund der eigenen Arbeit (nicht auf der Basis der Enteignung, Versklavung oder Ausbeutung von anderen) erfolgreich geworden. Generell teilen Trump und seine Anhänger den dringenden Wunsch, den eigenen Wohlstand nur sich selber zuzuschreiben, und nichts wissen zu wollen über die historischen und aktuellen Kosten, die andere für diesen Wohlstand bezahlt haben bzw. noch tragen. Dies steht meines Erachtens hinter der rabiaten Ablehnung seitens seiner Anhänger von allem, was mit "Diversität" oder mit den Belangen von benachteiligten Gruppen zu tun hat.

Was ergeben Ihre Forschungen zu diesem Thema?
Mit diesem "Nicht-Wissen-Wollen" sind wir bei unseren Forschungsinteressen angekommen. Unter den vielen destruktiven Maßnahmen, die die Trump-Administration unternommen hat, gehört der Versuch, die Aussagekraft sowie die sozialen und politischen Auswirkungen der Volkszählung zu schwächen. Die Volkszählung ist in der US-Verfassung verankert und findet seit 1790 in zehnjährigem Rhythmus statt. Sie bildet die Grundlage nicht nur für viele geographische und soziologische Forschungen und für Sozialprogramme, sondern auch für die wiederholte Justierung der Sitzverhältnisse im Repräsentantenhaus (wieviel Sitze jeder Bundesstaat hat), um eine möglichst uniforme "Stärke" der Repräsentation zu gewährleisten.

Was hätte Trump eine Schwächung der Volkszählung gebracht?
Trump hat vom Anfang seiner Amtszeit an versucht, die Volkszählung - die 2020 trotz Corona abgehalten worden ist - zu schwächen. Da wollte er einerseits eine zentrale Quelle für statistische Evidenz für Benachteiligung und andere soziale Missstände austrocknen und andererseits die Sitzverteilung im Repräsentantenhaus zugunsten der Republikaner beeinflussen. Trump versuchte erst, alle Einwohner der USA, die nicht US-Amerikanischen Staatsbürgerschaft besitzen, aus der Volkszählung auszuschließen. Die Bundesstaaten mit den meisten Nicht-US-Bürger*innen (vor allem Kalifornien) sind in der Regel auch diejenigen, die demokratisch wählen. Mit dem Vorhaben ist er ersteinmal vor Gericht gescheitert. Neulich hat er dann versucht, die Volkszählung vorzeitig zu stoppen. Da verfolgter er zwei Ziele. Einerseits wollte er die Ergebnisse noch in seiner Amtszeit als eine Errungenschaft präsentieren. Andererseits wusste er auch, dass die Bevölkerungsteile, die am schwersten zu zählen sind und die dementsprechend eher ganz am Ende der Zählaktion gezählt werden, gerade überproportional aus den benachteiligten Gruppen kommen, die überwiegend demokratisch wählen. Mit beiden Strategien versuchte Trump die Demokraten - und die soziale Gruppen, deren Benachteiligung ein Anliegen ist für viele demokratische Wähler*innen - über eine "Politik des statistischen Wissens" zu schwächen.

Wie spiegeln sich Machtverhältnisse räumlich?
Machtverhältnisse sind "räumlich" auf unterschiedlichen Ebenen. Wie wir gerade gesehen haben, können Gebäude, Landschaften, ganze Stadtbilder Machtverhältnisse symbolisieren. In dem Sinne ist der ganze historische Stadtkern von Washington, DC sicherlich einer der größten und wichtigsten symbolischen Stadtlandschaften, die es gibt. Zweitens ist Macht "räumlich" im Sinne der Kontrolle über Präsenz, Aktivitäten und Botschaften im öffentlichen Raum. In Demokratien aber auch in authoritär regierten Länder ist es äußerst wichtig, wer bestimmen kann, wie, von wem, zu welchem Zweck öffentliche Räume, Plätze, Grünflächen, zunehmend auch virtuelle öffentliche Räume in Anspruch genommen werden können. Sowohl die Machtsymbolik als auch die physische Kontrolle können angegriffen, umgedeutet, unterlaufen, zu neuen Zwecken angeeignet werden. Ohne diese Möglichkeiten der räumlichen Aneignung wäre z.B. die Bürgerrechtsbewegung der 1950er und 1960er Jahre in den USA undenkbar gewesen.

Am 20. Januar wird die Amtsübergabe Trump-Biden stattfinden. Dann werden wieder die Bilder der Mall um die Welt gehen und die Menge der Zuschauer verglichen werden. Wie schätzen Sie die Bedeutung dieses Raums ein?
Die Mall ist schon für mehr als ein Jahrhundert der symbolträchtigste Ort der Demokratie in den USA gewesen und wird es weiterhin so bleiben. Egal was Trump oder seine Anhänger da noch am 20. anrichten können, wird es historisch überstrahlt werden von richtig großartigen historischen Ereignissen, an erster Stelle vom 1963 "March on Washington" wo Rev. Dr. Martin Luther King, Jr. eine der wichtigsten Reden des 20. Jahrhunderts gehalten hat, aber auch von anderen großen Kundgebungen. Trump wird durch seinen unverantwortlichen Umgang mit dem Coronavirus, der drastische Einschränkungen nötig macht, diesmal zu Recht sagen können, mehr Leute seien zu seiner Amtseinführung dagewesen. Die Zahlen der Anwesenden für Biden werden noch kleiner aufgrund der Sicherheitsvorkehrungen sein, die von den Auswirkungen der Trump’schen Hetzkampagne nötig geworden sind. Insofern kann sich Trump vielleicht mit diesem "Sieg" trösten.

Wird Joe Biden die Spaltung in der US-Gesellschaft beenden?
Er kann sie nicht allein beenden, sie hat eine lange und komplizierte Geschichte. Er kann aber zwei Dinge tun. Erstens kann er versuchen, zu verkörpern, wie eine versöhnliche Haltung und eine Gesprächsbereitschaft mit anders Denkenden aussieht. Zweitens kann er wieder die Regeln und die Tradition stärken (bzw. die wieder aufstellen, die Trump abgeschafft hat), die die politische Neutralität der Behörden und des Beamtentums garantieren. So kann er die Regierungsarbeit gegen die Auswirkungen der sozialen Spaltung besser isolieren.

Zur Person:
Die Themen von Prof. Dr. Matthew G. Hannah reichen von der Historischen Geographie über die Politische Geographie bis hin zur kritischen humangeographischen Theorie und beinhalten regionale Spezialisierungen in den USA und Deutschland. Bisherige Forschungsprojekte drehten sich um zwei Fragen: Zum einen, wie geographisch organisiertes staatliches Wissen (Volkszählungen, Handelsstatistiken etc.) zu einer grundlegenden Infrastruktur für moderne "Regierungskünste" wurde, und zum anderen, in Umkehrung der ersten Frage, welche Arten von räumlichen Machtverhältnissen die Entwicklung solcher modernen Wissensinfrastrukturen ermöglichten (und welche Formen des Widerstands sie behinderten oder veränderten). Seine nächste große empirische Studie widmet sich seiner Heimatstadt Washington DC als einem multiskalaren politischen "Ausnahmeraum", in dem sich die gesamte Bandbreite moderner räumlicher Machtverhältnisse zu einem komplexen materiellen und symbolischen Ort verschränkt.

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Prof. Dr. Matthew G. HannahInhaber des Lehrstuhls für Kulturgeographie

Universität Bayreuth
Fakultät für Biologie, Chemie & Geowissenschaften
Telefon: +49 (0)921 / 55-2272
E-Mail: matthew.hannah@uni-bayreuth.de
https://www.kulturgeo.uni-bayreuth.de

Webmaster: Team UBTaktuell